Falsche Anschuldigungen

Wir haben von der Polizei eine Meldung erhalten, wonach eine Tochter dem Vater vorwirft, sie und ihre Mutter seit Jahren regelmässig zu schlagen, zu nötigen und sie mit dem Tode zu bedrohen. Als erste Intervention wurde der Mann inhaftiert. Das Zwangsmassnahmengericht hat erlassen, dass der Mann aus der Haft entlassen wird. Dafür hat man dem Vater die Auflage eines Kontakt- und Annäherungsverbotes gemacht. Der Mann musste bei Bekannten Unterschlupf suchen.

Als ich den Mann telefonisch kontaktierte und ihm mein Angebot eines Gespräches machte, nahm er dieses gerne an. Beim ersten Treffen war er sehr traurig, verunsichert und verzweifelt. Er wusste nicht, wie es nun weitergehen soll. Er durfte nicht zur Familie. Er erklärte mir, dass er die Kontakte mit Lehrern und weiteren Fachpersonen für die Kinder pflege und die Familie ihn brauche. Seine Frau sei damit alleine überfordert. Es war für ihn nicht aushaltbar, dass er die Belange der Familie nicht mitgestalten konnte und er sagte mir, dass die Familie auseinandergerissen würde, wenn er sie nicht unterstützen könne.

Er sagte, dass die Anschuldigungen der Tochter nicht stimmen würden. Ich sah meinen Auftrag darin, den Mann in dieser für ihn sehr schwierigen Situation zu begleiten und ihn dabei zu unterstützen, dass er diese Massnahmen einhält und versuche, geduldig zu sein. Da er aus einem anderen Kulturkreis kommt, war für ihn auch nicht klar, wie die Behörden in der Schweiz funktionieren und er war sehr misstrauisch, auch mir gegenüber.

Die Situation entwickelte sich so weiter, dass die Tochter bei den Behörden einräumte, dass ihre Aussagen nicht stimmten und dass der Vater ihr und der Mutter gegenüber keine Gewalt angewendet hätte. Sie hätte diese Aussagen gemacht, weil sie auf den Vater wütend war, da er sie bestrafte. Sie war offensichtlich auch sehr überrascht, was ihre Aussagen für Folgen hatten.

Dies hatte zur Folge, dass das Kontakt- und Annäherungsverbot aufgehoben wurde und der Vater wieder zurück in die Familie kehren konnte.

Auch dies ist eine Facette der Häuslichen Gewalt, der wir immer wieder begegnen. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen bei den Behörden Falschaussagen machen, um sich einen rechtlichen Vorteil zu holen. Gerade in Trennungssituationen erleben wir es immer wieder, dass der Partner/die Partnerin denunziert wird und falsche Anschuldigungen gemacht werden.

Dies ist eine schwierige Dynamik für unsere Arbeit. Wir schenken den Aussagen unseres Klientels Glauben und versuchen, sie bei ihren Themen zu unterstützen. Was wirklich in den eigenen vier Wänden passiert, wissen nur die Direktbeteiligten.

Berater, April 2022


Dieser Bericht hat bei mir viele Erinnerungen ausgelöst.
14.04.2022 - 09:44

Hat mich sehr berührt 
14.04.2022 - 09:55



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