Die Verschnaufpause

Vor einem halben Jahr kam Frau U. das erste Mal zu mir in Beratung. Sie und ihr Mann wurden vor kurzem pensioniert. Mit der Pensionierung fingen auch die Streitereien an, sich zu häufen. Es gab Tage, da diskutierten die beiden über mehrere Stunden. Beide litten unter den Streitereien, sie raubten ihnen den Schlaf und die Energie. Während diesen Diskussionen kam es zweimal vor, dass der Ehemann seiner Frau eine Ohrfeige gab.

In den Beratungen wird Frau U. bewusst, dass sie sich in der Ehe schon sehr lange einsam fühlt. Wenn sie nicht streiten, schweigen sie sich an. Frau U. ist der Streit lieber als die Stille. Während den Streitereien ist sie in Kontakt mit ihrem Mann. Viele gegenseitige Verletzungen haben in den über 40 Ehejahren stattgefunden. Momentan fühlt sie hauptsächlich Enttäuschung, Wut und Bitterkeit gegenüber ihrem Mann. Beide drehen sich im Kreis mit ihrer Kommunikation, es scheint ihnen nicht möglich, miteinander zu reden, ohne zu streiten und sich gegenseitig zu verletzen.

Nach 2-monatiger Beratung entscheidet das Ehepaar, eine Zeit lang getrennte Wege zu gehen - der Ehemann zieht aus. Frau U. fühlt sich einerseits erleichtert, da nun die Streitereien ein Ende haben, es wird ruhiger in ihr. Anderseits ist es nun auch sehr still im Haus. Die Trauer sucht sie heim, da sie sich die Pensionierung anders vorgestellt hat. Sie wollte reisen und Sachen unternehmen, alleine hat sie die Kraft dazu momentan nicht. Das getrennt sein wird beiden Partnern die Ruhe geben, wieder mehr zu sich zu kommen. Die Zeit wird zeigen, wohin der Weg sie führt und ob dieser Weg gemeinsam oder getrennt gegangen wird.

Beraterin, November 2019




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