Es ist passiert.

Ein Mann um die 60 Jahre wurde von der Justiz an die AHG zur Gewaltberatung überwiesen. Es war eine Pflichtberatung. Das Delikt, welches er begangen hatte, lag 2,5 Jahre zurück. Er hatte Gewalt gegen seine Familie angewendet und wurde zu versuchter Tötung und Körperverletzung verurteilt. Er hatte seit dem Vorfall ein Kontakt- und Annäherungsverbot.

Er kam zu mir, sehr verbittert und fühlte sich ungerecht behandelt. Das sei reine Willkür, wie die Justiz mit einem umgeht. Er sah keinen Sinn in den Gesprächen mit mir und kam mit sehr viel Widerstand. Er meinte, er hätte etwa seit einem Jahr dieses Ereignis verarbeitet. Er will zur Familie keinen Kontakt mehr. Ebenfalls wünscht seine Familie keinen Kontakt mehr zu ihm. Er lebt nun allein.

Zu Beginn der Gespräche hatte er die Haltung, dass die Gewalt, die er ausübte, gerechtfertigt war, da er von allen provoziert wurde. «Irgendwann haut es jedem die Sicherungen raus» war seine Rechtfertigung. Die Verantwortung für die Gewalt sah er nicht bei sich, und ich erlebte ihn sehr verbittert. Versöhnung, sich entschuldigen oder gar die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, kam für ihn nicht in Frage.

Mittlerweile habe ich diesen Mann bereits 3-mal bei mir in Beratung gehabt und er beginnt allmählich, sein Verhalten zu hinterfragen und konnte auch schon sagen, dass er am liebsten die Uhr zurückstellen wolle, um das Ganze ungeschehen zu machen. Letztes Mal konnte er erstmals bezüglich seiner Gewalt sagen: «was ich gemacht habe». Zuvor sprach er immer davon, «was passiert ist».

Diese Aussagen zeigen mir, dass er langsam beginnt, sein Verhalten zu hinterfragen. Er rechtfertigt seine Taten aber immer noch und versucht, sich da der Verantwortung zu entziehen. Er hat noch einen langen Weg vor sich, bei welchem es in meinen Augen darum geht, die volle Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er muss aus seiner Verbitterung herauskommen und sich und seine Gefühle wieder spüren.

Da ist noch einiges von ihm zu leisten, hat er mir doch gerade letztes Mal gesagt, dass er von seinen Kindern nichts mehr wissen möchte. Ich melde ihm immer wieder zurück, wie traurig diese ganze Sache doch sei. Er lächelt mich dann nur an und meint: «Jetzt ist es halt so …».

Berater, Februar 2020




Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zum obigen Artikel



sicherheits-code: H84O   hier eintippen: (unkorrekte angaben löschen den blog-text...)