Ich will nicht, dass meine Kinder mich so erleben.

Nachdem ich mit Herrn Martin (Name fiktiv) telefonisch Kontakt aufgenommen hatte und ihm von der Polizeimeldung erzählte, war er nach etwas Überredungskunst bereit, sich mit mir zu einem ersten Gespräch zu treffen.

In diesem Gespräch liess ich viel Raum für seine Schilderungen. Naturgemäss erzählte er mir natürlich, was er schwierig fand im Zusammenleben mit seiner Frau - was sie alles falsch machte. Sie könne nicht kochen. Sie sei mit den beiden Kindern schon überfordert, sie vergesse wichtige Termine und sei allgemein unzuverlässig. Er selber arbeite wie ein Esel, damit es der Familie finanziell gut geht. Dafür spürte er keine Wertschätzung von seiner Frau. Bei der Arbeit hatte er grossen Stress, da viel Druck auf ihm lastete.

Zum Alkoholkonsum (Messung der Polizei: 0.9mg/l = 1.8 %o) meinte er, dass das ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei. Zu den Aussagen seiner Frau und der Kinder gegenüber der Polizei meinte er, dass sie masslos übertrieben hätten. Er könne sich nicht vorstellen, dass seine Familie Angst vor ihm habe. Und die Ohrfeige habe seine Frau ja auch verdient, weil sie ihn so provozierte und sich einmal mehr nicht an die Abmachung gehalten hatte. Frühere Gewalt wies er gänzlich von sich. Darauf angesprochen, ob die Kinder die Situation mitbekommen haben, bejahte er und wurde nachdenklich, als ich fragte, was er denke, wie es den Kindern wohl gehen würde nach solchen Vorfällen.

Darauf angesprochen, was er nun gerade fühlte, wurde er traurig und begann zu weinen. Es tat ihm so leid, dass die Kinder das mitbekommen mussten und er habe seiner Frau schon oft gesagt, dass sie mit ihm nicht vor den Kindern streiten solle. Ich konfrontierte ihn damit, dass ja auch er vor den Kindern streite. Er erschrak ab dieser Aussage von mir und wurde wieder nachdenklich. Schliesslich gab er mir mit meiner Einschätzung recht. Er merkte, dass er auch etwas mit dem Geschehenen zu tun hatte und seinen Anteil an den Eskalationen hatte. Diese Einsicht half ihm, sich bei mir für einen Beratungsprozess zu entscheiden.

Berater, März 2021




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